Bert Schmidt - In Erinnerung

Direkt zum Seiteninhalt
In Erinnerung an
Bert Schmidt
1950 - 2024


In Erinnerung noch grün ...
In memory yet green, in joy still felt
The scenes of life rise sharply into view
We triumph: Life‘s disasters are undealt
And while all is old, the world is new.
Isaac Asimov einen Anonymus zitierend

In Erinnerung noch grün,
in Freude noch empfunden
Des Lebens Szenen fest in Blick gefasst.
Wir triumphieren:
über Zeit und ihre Wunden
Wenn alles andere alt,
die Welt sich neu erschafft.
(trad. ok)

Leben und Arbeiten
Leben und Arbeiten
Von Michael Loeken und Ulrike Franke
Wir haben mit Bert viele Filme und Kunstinstallationen geschnitten, intensive Phasen der Zusammenarbeit, nein, eigentlich haben wir in dieser Zeit zusammengelebt. Oft zusammen gekocht und gegessen, er hat unsere Kinder aufwachsen sehen. In der Zeit des Filmschnitts war er Teil der Familie. Die Gespräche mit Bert waren sehr bereichernd, in jeder Hinsicht. Er hatte ein profundes Wissen über Film, über politische Zusammenhänge, über Literatur, über das Leben und er hatte einen ausgesprochen guten Sinn für Humor. – wir haben viel gelacht. Er hat uns viel von Luzie erzählt, ihren gemeinsamen Reisen, Jahren, ihren Filmideen und Filmen. Von seinem Obstgarten, er brachte zu jeder Schnittphase einen Teil der Ernte mit, Äpfel und Quitten, als Früchte oder in flüssiger Form.  
Diese Einheit von Leben und Arbeiten haben wir über viele Jahre in zahlreichen Projekten immer wieder gemeinsam leben dürfen.  
Und wie das so ist, wenn man intensiv, ja manchmal vermeintlich existentiell zusammenarbeitet, dann kommt es auch zu Spannungen und Konflikten. Das gehört dazu und das haben wir immer diskutieren und ausräumen können. Nur leider bei unserem letzten Projekt nicht. Man denkt immer, dass man noch Zeit hat und wir waren überzeugt, dass wir wieder zusammen finden werden. Diese Zeit gab es nicht mehr und das schmerzt.
Seine Schnittarbeit war geprägt von einem tiefen musikalischen Empfinden. Diese große Gabe und sein Wissen über Film hat er nie vor sich hergetragen. Bert war sehr bescheiden. Er hat unsere Filme nicht »einfach nur geschnitten«, er hat sie komponiert und mitentwickelt, als Mensch und als Filmkünstler.

 
Haltung
Von Eike Hosenfeld
Bert habe ich mit Anfang 20 kennengelernt, als ich Dieter Reifarth wegen meiner Mitarbeit an einem Film für Stanislaw Mucha bei strandfilm in der Gartenstraße besuchte. Als ich schüchtern das Büro betrat, sah ich einen Mann von geringer Körpergröße (ebenso wie ich!), der telefonierend an seinem Schreibtisch tief zurückgelehnt in seinem Stuhl saß, die Füße lässig auf dem Tisch. Ich war beeindruckt! Das sollte ich auch fortan bleiben: Bert war eine auf stilvolle Weise unangepasste und dabei sehr kultivierte Person, von der ich lernen durfte: „Eike, die Filmbranche ist die letzte akzeptierte Diktatur in Europa.“ Ich durfte für einige seiner Filme Musik machen und seine Haltung gegenüber unserer manchmal fragwürdigen Branche hat mir sehr geholfen zu Anfang meiner Laufbahn. Mit seiner scheinbar unerschöpflichen Energie und Neugierde für alles war er ein Vorbild für mich und wird es für immer bleiben.
Präzise und poetisch
von Rainer Komers
Von seiner Arbeit am Film »Der Tanz des Sisyphos« über die Jongleur-Familie Montego/Brunn hat Bert immer mit großer Anteilnahme erzählt.
Den Sisyphos tanzen lassen, das war auch Berts große Stärke. Ich sehe ihn noch in meinem Atelier im Schloss Styrum, wie er zum Maschinensound von »B 224« den Takt mit dem Mittelfinger auf den Schneidetisch klopfte. 7 Filmen von mir – zwischen 1998 und 2014 – hat Berts Montagekunst Form und Rhythmus gegeben – das dramaturgische Gerüst für den Film »Nome Road System« stand in 8 Tagen! Eine Studentin von der Kunsthochschule Weißensee fasst ihre Begeisterung darüber so zusammen:  
»Der Schnitt von Bild und Ton ist wahnsinnig gut, präzise und poetisch.«

 
Guten Morgen Bert
von Marcin Wierzchowski
Ich werde nicht vergessen, wie du jeden Morgen in den Schnittraum hereinkamst. Du hast immer gleich 2 Treppenstufen genommen, dann ranntest du in die Mitte des Raumes und drehtest deinen Körper leicht zur Seite, um abzubremsen. Deine braunen Stiefel rutschten immer noch ein bisschen über den Korkboden, bevor du zum Stehen kamst. Mit der Energie und Eleganz eines Jongleurs nahmst du den Schwung der Tasche während der Drehung deines Körpers mit und so reichte nur noch eine kleine Bewegung, um den Tragegurt über den Kopf zu heben und die Tasche präzise auf den Kinosessel zu lenken. Guten Morgen Bert.
Energie, Eleganz und Präzision. Für die Kunst des Jonglierens, wie auch für die Kunst der Filmmontage braucht man diese Zutaten. Du hattest das alles. Fällt beim Jonglieren ein Ball, ist der ganze Trick dahin. Klappt alles, ist das Publikum verzaubert. Wie beim Film. Welch wunderbare Illusion das Kino doch ist.
Garten. Strasse.
von Britta Kastern
Jahrzehntelange Arbeitsheimat. Von Celluloid bis Digital.
Die eigene Kamera neben seinem Stuhl, bereit, auf zum Sprung
Bilder–fangen.
Menschentürme in Spanien, Motorbikes in Vietnam
Statuen oder Hochwasser in Frankfurt –
ich weiß nicht alles.
Manches wurde vom Bild, zum neuen Bild, zum Schnitt: ein Film.
Formten einen filmischen Gedanken für sich und die Welt.
Diese »kleinen« Arbeiten waren wichtig.
Zeit, Ruhe, Konzentration, Stille,
Nachdenken, Innehalten,
bloß kein Stillstand.
 
Gespräche
Von Bahman Kormi
Bert sitzt mir schräg gegenüber, zunächst mit dem Rücken, vertieft in ein eigenes Projekt und wendet sich schließlich mir zu. Schon nächste Woche wird er im Auftrag wieder lange Zeit andernorts schneiden. Die pure Materialfülle des Projektes mache es erforderlich die Hauptstränge weiter zu konzentrieren. Zahlreiche, mögliche und ebenso spannende Nebenstränge führten weniger in die Irre als vom Thema ab, wo es doch darum ginge die Protagonisten und ihre Geschichten zu stärken. Zu viele, leider interessante Nebenlinien. Wir kommen auf dramaturgische Fragen, rücken weiter in das Verhältnis zwischen Absicht und Umsetzung, dringen in das Leid des Cutters an unruhiger Kameraführung - man möchte die Szene eigentlich gerne halten, dem Protagonisten folgen; aber die Kamera verselbstständigt sich unvermittelt, versucht die Cadrage zu verbessern, schnelle Ausschnittswechsel, suchende Schärfe; der Schnitt verliert darüber: Alles. Wir gleiten ab in Zeitgeist, digital bedingte Drehverhältnisse, Technik; dann grundsätzlich: Ist die Einstellung die Einstellung? Und fallen zurück auf uns selbst.
Bert ist ein großartiger Gesprächspartner. Vor allem wenn es darum geht, vom Besonderen auf das Allgemeine zu blicken, darin einen eigenen Blick zu tun und doch das Andere, Fremde im Gespräch wach zu erforschen. Und dem Anderen neue Fenster so weit zu öffnen bis es fliegen kann.
Ich wusste es lange Zeit nicht. Der Mann, mit dem wir uns nun über 20 Jahre das Souterrain teilen, macht keine Einladung, biedert sich nicht an, verspricht nichts.
Ich bin froh über jedes unserer Gespräche.
 
Dieter Reifarth (Aus seiner Trauerrede)
(..) Anfang der Siebziger Jahre lernten wir uns kennen. Bert hatte bereits ein Filmstudium in Paris absolviert und gerade sein Soziologiestudium in Frankfurt begonnen. Wir kamen im damaligen Kommunalen Kino zusammen, um das Programm für eine »antimilitaristische Filmwoche« zu entwerfen. Er war seinerzeit im Verband der Kriegsdienstverweigerer aktiv, nachdem er selbst drei Monate Wehrdienst absolviert hatte, verweigerte, und das verbliebene eineinviertel Jahr als Ersatzdienst in einer Sozialeinrichtung ableistete.
Bert verfügte über profunde Kenntnis der Filmgeschichte, nicht zuletzt genährt durch die vielen Besuche der Cinémathèque Français während seines Studiums in Paris.
Es folgten die Jahre seiner Mitarbeit im Kommunalen Kino. Mitarbeit hieß, jeder musste alles machen und können - vom Kartenabreißen über das einwandfreie Filmvorführen im Überblendbetrieb bis zum Programmerstellen. (..)
Bert arbeitete Mitte der Siebziger Jahre für Rosa von Praunheim an dem zweiteiligen Dokumentarfilm »Der 24. Stock«. Danach schloss er sein Soziologie-Studium mit einer Diplomarbeit über Steven Spielbergs »Jaws« (Der weise Hai) ab, die wegen ihrer präzisen Analyse der mehr als tausend Einstellungen des Films außerordentlich beeindruckte.
Bald darauf lernte er Sohrab Shahid Saless kennen, mit dem gemeinsam wir das Drehbuch zu dessen Film »Ordnung« schrieben. Sohrab bot ihm an, die Dreharbeiten als Regieassistent zu begleiten, und Bert meinte, einmal werde er das wohl noch machen. Aus dem einen Mal wurde eine dauerhafte Verbindung, die über fünf weitere Filme währte.
1986 drehten wir unseren ersten gemeinsamen Kurzfilm über den Buchhändler Alfons Streibel, der inmitten eines Ozeans Zehntausender Bücher auf kaum 20 Quadratmetern im Frankfurter Nordend residierte. Der Film war zügig abgedreht, wir waren erleichtert das keiner der gigantischen Büchertürme eingestürzt war und gingen in den Schnitt. (..)
Rasch wurde mir klar, dass Bert ein exzellenter Cutter war, dessen Gespür für die Formbarkeit fragilen dokumentarischen Materials und dessen Sinn für filmische Musikalität einzigartig waren. Alles, was ich über Filmschnitt weiß, habe ich von ihm bei der Arbeit an diesem Kurzfilm gelernt. Immerhin hat mich das befähigt, später Dutzende Filme zu schneiden. Wir erhielten für »Bücher« den »Preis für Kommunikationskultur«. Auf den waren wir deshalb sehr stolz, weil er nur ein einziges Mal vergeben wurde.  
Unser nächster Film »Vivace« erzählte vom Auftakt eines Tages in der der U-Bahnstation Hauptwache und dem allmorgendlichen Auftritt des Geigers Helmut Scholz.  
»Zeil Frankfurt« beschrieb das Leben auf der damals umsatzstärksten Verkaufsmeile Europas, die wir ein Jahr lang beobachteten. (..) Darauf folgte »Der Koffer – La valise á la mer«. Der Kurzfilm widmete sich der Künstlerin Nicole Guiraud und einer Arbeit, in welcher sie, als Opfer eines Sprengstoffanschlages, ihrem Trauma nachspürte. (..) Der Film wurde .. mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Preis von Oberhausen und einem Bundesfilmpreis.

 
Inzwischen hatten wir an Marcel Ophüls‘ oskarprämiertem Dokumentarfilm »Hotel Terminus« mitgearbeitet, waren Teilhaber an Kurt Otterbachers Firma strandfilm geworden und Bert widmete sich mit zwei Filmen dem Herzen, sowohl in metaphorischer wie in fleischlicher Hinsicht: In »Herzblatt« lässt der New Yorker Zauberer Jeff Sheridan den Eisernen Steg verschwinden um seiner Angebeteten zu imponieren.  
In der Heiner Müller-Adaption »Herzstück« legt Er Ihr sein Herz zu Füßen ohne den Fußboden zu beschmutzen. Neben den Filmen die sozusagen »von Herzen« kamen machten wir auch etliche für die Kasse, darunter eine fünfundzwanzigteilige Serie zur ›Geschichte der Luftfahrt‹ im Auftrag der Deutschen Lufthansa AG. (..)
Wir verstanden unser Metier eher ganzheitlich. Das hieß, wir machten nicht nur eigene Filme, sondern schnitten auch für Kolleginnen und Kollegen, betreuten Skripte, oder produzierten im Rahmen von strandfilm. Auf diesem Weg arbeitete Bert an etlichen Filmen, deren Erfolg gewiss nicht zuletzt seinem Engagement und Können zu verdanken war.
Dieses besondere Können findet meiner Meinung nach in seinem Film »Der Tanz des Sisyphos« von 2003 den deutlichsten Ausdruck. Vergangenen August (2023) wollte Peter Nestler sich den Film abermals anschauen. Danach schrieb er uns:
»Lieber Bert und lieber Dieter,
habe mir den Film und das Bonusmaterial in einem durch angesehen. Große Klasse, ganz reich, bereichernd und fesselnd. Wenn ich beides nicht gesehen hätte, würde mir was fehlen.«
(..)
Berts Film beschreibt wie kein anderer das Abschiednehmen, erzählt mit großer Empathie von Montego‘s [des Weltklasse-Jongleurs] letztem Anlauf, der nicht auf der Bühne sondern in der Einsicht endet, dass seine Zeit um ist. Zugleich tröstet uns der Film in der Art, wie er auf das Leben seiner Protagonisten zurückblickt - reich an wahrer ›Knochenarbeit‹, betörend in seiner Heiterkeit und den großen Glücksmomenten.
Gewiss war »Der Tanz des Sisyphos« Berts persönlichster Film, vielleicht der Einzige, der ihm wirklich aus dem Herzen sprach.
(..)
  
An seinem Geburtstag Ende Januar sprachen wir noch einmal lange miteinander. Bert war sehr lebhaft, sagte, er freue sich ungemein darüber das sein Buch „Sohrab Shahid Saless – Film im Kopf“ nach jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Verleger nun endlich erschienen sei. Und er sprach voller Dankbarkeit über das Glück, Dich, liebe Lucie, in all den schweren Tagen an seiner Seite zu wissen.
(..)
Bis bald, alter Freund. Möge die Erde dir leicht sein.

(Aus der Trauerrede von Dieter Reifarth, 18.03.2024).
 
Die Leute gehen nicht
zum Nordpol.
Sie gehen ins Büro,
streiten mit ihrer Frau
und essen Suppe.
Bert Schmidt zitiert Anton Czechov
im Vorwort zu seinem Buch
»Film im Kopf« ...
Der letzte Band
Zu seinem Buch FILM IM KOPF über den iranischen Regisseur Sorab Shahid Saless schreibt Bert Schmidt:
[Er] gehört zum Neuen Deutschen Film der siebziger und achtziger Jahre.. Seine Filme sind hochdekoriert. (..) Sein Werk ist Weltkino. Zeiltlos in seiner Kargheit, keinen Moden unterworfen, noch in Jahrzehnten noch gültig - so wie die Erzählungen von seinem großen Vorbild Anton Czechov.
Man muß Saless vor allem als Filmautor betrachten, nicht nur als Regisseur. Jemand, der seine sämtliche künstlerischen Aspekte des (..) nicht nur mitbestimmen, sondern dafür die alleinige künstlerische Hoheit behalten wollte. (..)
Jeden Film, ober auf eigenen Drehbüchern basierte oder ob es Auftragsfilme waren, hat er zu ›seinem‹ persönlichen Stoff gemacht. Wie er selbst, litten seine Filme unter der Kommunikationslosigkeit, Erbarmungslosigkeit, am meisten aber unter der Gleichgültigkeit ihrer Zeit. Es gibt in seinen Filmen keine Ausbrüche aus dem einförmigen Alltag. Die großen Dramen der Weltgeschichte interessieren Saless nicht. Er zitierte gerne einen Satz von Anton Czechov: »Die Leute gehen nicht zum Nordpol, sie gehen ins Büro, streiten sich mit ihrer Frau und essen Suppe.«

Bert Schmidt: Sohrab Shahid Saless – Film im Kopf. Belleville, München. 220 Seiten, mit vielen Schwarz/weiß- und Farb-Abbildungen, 24 €.
Zurück zum Seiteninhalt